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Rezensionen
zu "Christophorus" (Kiel)
Jochen
Breiholz: Franz Schrekers "Christophorus" an der Kieler Oper
Gnadenlos
ist sie, diese Kamera. Jedes Blinzeln fängt sie ein, jede kleinste Regung
des Mannes, der in diesem klinisch kalten und kahlen Raum an seinem weißen
Schreibtisch sitzt. Riesenhaft auf eine Gazewand projiziert. Was verrät
dieses Gesicht? Was denkt, hört, sieht, fühlt dieser Mann? In dem Raum
hinter der Gaze sehen wir es: die Vision eines Komponisten von einer Oper.
Und sein Scheitern. Thema mit Variationen: Franz Schreker, bis in die
zwanziger Jahre des 20. Jahrhunderts einer der gefeiertsten zeitgenössischen
Tondichter, nach der Machtergreifung der Nazis als "entartet" diffamiert
und für Jahrzehnte nach Ende des "Dritten Reiches" aus dem Opernbewusstsein
geradezu gelöscht, hat sich in seinen Werken immer wieder mit dem Konflikt
des schöpferischen, zwischen Kunst und Privatheit zerrissenen Menschen
auseinandergesetzt. "Christophorus oder Die Vision einer Oper" macht da
keine Ausnahme, im Gegenteil. Das Stück ist weit stärker noch als etwa
"Der ferne Klang" oder "Die Gezeichneten" autobiografisch gefärbt. Seine
Entstehung fällt in die Zeit, in der Schrekers Stil bereits von einigen
Kritikern in Frage gestellt und als veraltet abgestempelt wurde. Es markiert
- und thematisiert - die Suche nach einer neuen Form, nach neuen Ausdrucksmöglichkeiten.
1925 begann Schreker mit der Komposition, die er vier Jahre später vollendete.
Die für 1933 geplante Uraufführung wurde aus Angst vor Übergriffen der
Nazis abgesagt - und fand erst 44 Jahre nach Schrekers Tod 1978 in Freiburg
statt. Abgesehen von einer konzertanten Aufführung 1991 in Wien traute
sich seither kein Opernhaus an dieses sperrige, ebenso komplexe wie komplizierte
Werk heran. Nun hat es die Kieler Oper im Rahmen ihres ambitionierten
Schreker-Zyklus, der im letzten Jahr mit "Flammen" begann und in der nächsten
Saison mit "Das Spielwerk und die Prinzessin" fortgesetzt wird, wiederentdeckt.
Nach dem "Fernen Klang" im Herbst an der Berliner Staatsoper und den "Gezeichneten"
Anfang des Jahres an der Stuttgarter Oper ist es die dritte wichtige Schreker-Premiere
dieser Spielzeit - und zugleich die zwiespältigste. Denn während die in
Schrekers Blütezeit entstandenen Werke "Der ferne Klang" und "Die Gezeichneten"
mit einer faszinierenden Geschichte fesseln und den Hörer in einen üppigen
Klangrausch stürzen, reflektiert "Christophorus" ungleich stärker Zweifel
und Zerrissenheit seines Schöpfers - stilistisch, formell, musikalisch
und inhaltlich. Die Grenzen verwischen: Wo endet die Geschichte des jungen
Komponisten Anselm, der gegen den Wunsch seines Lehrers, ein Streichquartett
zu schreiben, sich an einer Oper über die Legende des Christophorus versucht,
der seinen Freund und Komponisten-Kollegen Christoph und dessen Frau Lisa
zu Figuren dieser Oper macht und damit die Trennung von Fiktion und unmittelbar
Erlebtem aufhebt, und wo beginnt die private Tragödie des Franz Schreker?
Das Spiel mit den Ebenen, mit Brüchen und Überlagerungen verdichtet sich,
Lisa verführt als personifizierte Sünde den Komponisten, wird von Christoph
erschossen, erscheint ihm später in einer Séance und steht am Ende wieder,
als sei nichts geschehen, vor Anselm: Ein Traum, was sonst? Kirsten Harms,
die Intendantin der Kieler Oper, erzählt dieses Stück, das Fragen stellt,
ohne Antworten zu liefern und letztlich eine "Lösung" schuldig bleibt,
in klaren, bezwingenden Bildern. Als szenische Chiffre für Anselms Opernvision
leuchtet dabei im nüchtern-weißen Einheitsraum von Bernd Damovsky ein
prunkvolles Logentheater des 18. Jahrhunderts auf, das den unüberwindbaren
Abgrund zwischen Wunsch und Wirklichkeit des Komponisten sinnfällig sichtbar
macht. Den nachhaltig stärksten Eindruck hinterlässt Robert Chafin als
Anselm: Nicht allein, weil er die Mammutpartie traumschön singt, sondern
auch die Unmengen gesprochenen Dialogs überaus differenziert gestaltet.
Jörg Sabrowskis magischer, markiger Christoph und Susanne Bernhards doppelbödige
Lisa ragen aus dem durchweg überzeugenden Ensemble heraus. Unter Ulrich
Windfuhr entfacht das Orchester einen luziden Klangzauber. Dennoch: Ein
genialisches Spätwerk ist "Christophorus" kaum, er bleibt eine "Vision"
- nicht nur für Anselm.
(Die
Welt, 26.6.2002)
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