| |
Rezensionen
zu "Die Gezeichneten" (Stuttgart)
Orgiastischer Klangtaumel - Opernschlacht am Premierenabend in Stuttgart
In seltener Einigkeit machen an diesem Montag die großen deutschen Feuilletons
mit einem Stück auf, das in seiner Neuinszenierung in Stuttgart Musiktheatergeschichte
schreibt: Martin Kusej (40) hat Franz Schrekers Musikdrama "Die Gezeichneten",
das 1918 in Frankfurt uraufgeführt wurde, jetzt unter der Intendanz Klaus
Zeheleins herausgebracht. Stück und Autor gehören nicht gerade zum geläufigen
Repertoire deutscher Bühnen der Gegenwart. Was also war dermaßen faszinierend,
dass der Schauspieler Gabriel Sadé als Krüppel-König Alviano mal mit,
mal ohne die schöne Eva-Maria Westbroek als verführerisch-kranke Malerin
Carlotta im großen Format auftritt?
Gespaltener Erfolg
Der "Tagesspiegel" ist nach der Premiere vom Wochenende begeistert: "Wer
in Stuttgart Aufführungen unter der Intendanz von Klaus Zehelein sieht,
erlebt Musiktheatergeschichte". Dabei macht Zehelein "einfach nur sein
Zeug". Zeitgenössisches wird an diesem Haus wie Klassiker, Klassiker wie
Modernes gespielt. Beispielhaft hat sich Stuttgarts Musentempel der Wissenschaft,
dem Publikum, dem Experiment, der jungen Oper geöffnet. Nun kommt das
Kriegsstück, 1915 geschrieben, nach einem Vorkriegstext von 1912 mit Wucht
und Raffinesse wieder auf die Bühne. Das Publikum hat heftig reagiert
- mit begeistertem Trampeln aber auch entsetzten Buhrufen. Die Sänger
waren in ihren Rollen entäußert, ganz eins mit ihrer Figur. Dem Regisseur
wird detailgenaues Beobachten nachgesagt, aber die Orgienszenen glichen
eher harmlosen Performances der Wiener Aktionisten.
Orgie wie im Themenpark
Die "Welt" schwärmt zum Aufwärmen erst mal von dem österreichischen Regisseur
Martin Kusej, der 2004 den "Parsifal" in Bayreuth inszenieren wird und
in diesem Sommer mit "Don Giovanni" die Salzburger Festspiele eröffnet.
Das wiederaufgelegte Stück "Die Gezeichneten" wird hier "zwischen Frankenstein
und Faschismus" angesiedelt und als Psycho-Thriller bezeichnet. Ein brillantes
Orchester lässt die filmmusikartige Partitur verführerisch aufrauschen.
Aber auch diesem Rezensenten gefiel der dritte Akt mit seinen orgiastischen
Ausschweifungen nicht wirklich. Worum geht es überhaupt in diesem Stück,
das alle Kritiker begeistert?
"Tier im Menschen"
Die "Neue Zürcher Zeitung" fasst es intelligent im Stil Reich-Ranickis
zusammen: "Es ist die Geschichte zweier Menschen, die die Realität verpassen,
während sie ihren Idealen nachjagen." Doch dem Regisseur geht es auch
noch um etwas anderes, es geht um das Tier im Menschen, um die nicht erfüllte
oder hemmungslos ausgelebte Sexualität. Und im dritten Akt sei das Stück
absolut nicht jugendfrei, die Inszenierung bringe aber die ins Stocken
geratene Schrecker-Rezeption hoffentlich wieder in Gang. Die "Süddeutsche
Zeitung" erinnert an die überwältigenden Erfolge des österreichischen
Juden Franz Schreker in den 20er und 30er Jahren, als sein "Ferner Klang",
"Die Gezeichneten" oder die "Schätzgräber" auf allen deutschen Bühnen
gespielt wurden. Nach dem Zweiten Weltkrieg gelang fast keine Rehabilitation
des 1934 Verstorbenen. Außer der legendären Frankfurter Inszenierung von
1979 unter Neuenfals und Gielen. Mit den "Gezeichneten" von Vorgestern
will der Regisseur heute diejenigen treffen, die in ihrem grenzenlosen
Hedonismus über Leichen gehen, "barbarisch-asoziale Selbstverwirklicher,
Beschädigte, Kaputte". Der Genueser Edelmann Alviano wollte seinen Freunden
eine Insel der Seeligen schenken und sieht zu, wie sie im orgiastischem
Taumel ordinär und selbstvergessen davon Besitz ergreifen. Mit diesem
Erfolg setzt die Stuttgarter Oper ihre an sich schon hohe Messlatte noch
einmal hinauf, findet Wolfgang Schreiber in der "Süddeutschen".
(FAZ, 28.1.2002)
Claus Spahn: Enthemmung bis zum Blutsturz
Martin Kucej inszeniert in Stuttgart Franz Schrekers Oper "Die Gezeichneten"
als Karneval der Perversionen
Gäbe es einen Giftschrank für Opern, in dem die wirksamsten und gefährlichsten
Drogen aufbewahrt werden, die Phiole mit Franz Schrekers Die Gezeichneten
würde darin einen besonderen Platz einnehmen - als kaum bekanntes, sagenumwobenes
Rauschmittel, von dem Eingeweihte in den höchs-ten Tönen schwärmen. Die
Farbe des Schreker-Elixiers müsste man sich so vorstellen: giftgrün bläulich
schimmernd, durchzogen von tiefroten Blutschlieren, und den Duft, der
ihm entströmt: als schwer im Raum lastend, die Sinne verwirrend. Das Werk
gilt als eine Art "grüne Witwe" der Operngeschichte, Farb-Klang-Absinth,
der (nicht nur) im Fin de Siècle extreme Verfallenheit ausgelöst hat.
1918 wurden Die Gezeichneten in Frankfurt uraufgeführt und gingen anschließend
mit dem Nimbus der anstößigen Skandaloper über viele Bühnen in Deutschland,
bevor andere musikalische Strömungen der Zeit - die neue Sachlichkeit,
die Avantgarde der Zweiten Wiener Schule - und endgültig die nationalsozialistische
Kunstpolitik Schrekers Musik in die Vergessenheit drängten. 1979 dann
haben Michael Gielen und Hans Neuenfels das Hauptwerk des Komponisten
wiederentdeckt (erneut in Frankurt) und den Kultcharakter mit dem Elan
des wilden Regietheaters neu befeuert. Es gibt Frankfurter Kritikerkollegen,
die von dem Stück gar nicht lassen mochten und damals kaum eine Vorstellung
versäumt haben. Wo auch sonst hat sich Musik für die Bühne mit derart
phantasmagorisch ausgreifenden und in ihrer Opulenz schier überschnappenden
Mitteln in die dunklen Abgründe der menschlichen Triebe vorgewagt, um,
wie es der Komponist und Schreker-Kenner Gösta Neuwirth formuliert, "eine
Grammatik des Unbewussten" auszukomponieren? Wo sonst gibt es einen Opernstoff,
in dem die Hauptdarstellerin in einer bizarren Gewalt-Lust-Orgie hingemeuchelt
wird und sich noch in den letzten Atemzügen selig nach ihrem Schänder
sehnt und wollüstig verröchelnd fordert: "Gebt mir Wasser - nein - gebt
mir - Wein"? Kein Wunder, dass das Schreker-Opus den Wiener Aktionskünstlern
um Hermann Nitsch ein Hochaltar war: Es handelt von Enthemmung bis zum
Blutsturz. Und löst im Übersoll ein, was spätestens seit Wagners Tristan
(jenseits aller Künstlichkeiten der Form) zu den großen Versprechen der
Gattung Oper gehört - Überwältigung der Sinne, Grenzüberschreitung, Tabubruch.
Als ein Amalgam heterogenster stilistischer Einflüsse schillern Die Gezeichneten.
De Sade, Nietzsche oder das luxuriöse Ringstraßen-Wien der Jahrhundertwende
- alles ist in dem Stoff gegenwärtig. Musikalisch haben Ravel, Debussy,
Puccini und Wagner ihre Spuren hinterlassen. Adorno hat in einem Aufsatz
das frei Flutende und Fluktuierende in Schrekers Klangsprache - auch zwischen
hoher und trivialer Kunst - herausgestellt und den schönen Begriff geprägt
von der "Musik, die Luftwurzeln treibt". Und das Traumdenken des Sigmund
Freud ist in der Partitur bis in die musikalischen Tiefenschichten verankert.
Nach längerer aufführungsloser Zeit hat sich nun die Stuttgarter Staatsoper
die Schreker-Mischung aus dem Giftschrank gegriffen, und durch die Besetzung
mit dem Regisseur Martin Kucej und Lothar Zagrosek am Dirigentenpult die
Erwartung geschürt, dass sie dem Publikum auch in dieser Neuproduktion
in hoch wirksamer Dosis verabreicht wird. Aber wie das manchmal so geht
im Umgang mit vermeintlich gefährlichen Drogen - man probiert sie und
probiert und probiert und fragt sich am Ende mit allenfalls leichtem Schwindelgefühl,
ob da überhaupt irgendetwas gewirkt hat. Zum Beispiel im dritten Akt der
Oper, in dem das Volk von Genua auf einer Kunst- und Lustinsel zu einem
aussschweifenden Fest der Sinne zusammenkommt, um am Ende schockhaft die
Nachtseite all der Schönheitslustbarkeiten zu erfahren: In unterirdischen
Katakomben werden von einer losgelassenen Adelsclique Vergewaltigung,
Folter und Totschlag an braven Bürgerstöchtern vollzogen. Kucej hat versucht,
einen einzigen großen szenischen Spannungsbogen über den Akt zu legen,
von den ersten zart erotischen Entgleisungen der Inseltouristen bis zum
blutigen Finale. Langsam steigert sich da ein allgemeines Fummeln und
Rekeln zur handfesten Swingerparty mit verrutschter Unterwäsche und gymnastischen
Hüftschwüngen. Die ersten Schlächter mischen sich mit Axt und Motorsäge
unters rammelnde Volk. Zerzauste Schönheiten werden an Hundehalsbändern
über die Bühne gezerrt. Irgendwann blickt man auf ein Standbild der liebevoll
verrenkten Körper. Hier ragt ein Beil aus dem Oberbauch, dort steckt ein
Schlachtermesser zwischen den Rippen. Und überall Theaterblut. Theaterblut,
das Unterröcke und Boxershorts durchnässt, das in üppigen Rinnsalen über
nacktes Fleisch sickert und sich in kleinen Pfützen auf dem Bühnenboden
sammelt.
Ausgebombte Charakterruinen
Sehr apart arrangiert ist das, wie mit dicker Ölfarbe großformatig ausgepinselt
und irgendwie schwer daneben: Das Schlusstableau des Grauens verrutscht
ins hohl Dekorative. Genauso wie die unheimliche Entfesselung der Triebe
zuvor, die Kucej ganz dem Statis-tenaktionismus überantwortet. Bienenfleißig
rackert sich der Stuttgarter Chor mit endloser Sexpantomime ab. Ratlos
wirkt da die Regie, sie scheint einfach keine adäquaten Bilder für die
Maßlosigkeiten des Stücks zu finden. Und die in der Musik so verlockend
schimmernde Fin-de-Siècle-Gefährlichkeit wirkt plötzlich historisch, uninszenierbar,
wie sperriger Gefühlsplüsch aus einer vergangenen, fernen Zeit. Vielleicht
kann die Oper nur betören, wenn dem Regisseur (und der Welt) der schwärmerische
Glaube an das Kunstschöne noch nicht ganz abhanden gekommen ist. Nur wo
die geträumten Schönheits- und Entgrenzungsutopien aus dem frühen 20.
Jahrhundert zumindest noch ein bisschen in der Höhe leuchten, tut sich
auch eine Fallhöhe auf zum Tiefgeschoss des Perversionen. Der Vulkan der
(un)heimlichen Leidenschaften muss in seinem Inneren noch glühendes Magma
bergen, damit Schrekers eruptive Kräfte wirken können. Aber in Stuttgart
spielt die Szene auf erkalteter Lava. Hitze brodelt nur im Orchestergraben,
wo Lothar Zagrosek die Partitur unter Hochspannung setzt. Martin Zehetgruber
hat eine finstere Kammer mit hohen (Leichen-)Stahlregalen auf die Bühne
gebaut. Ausgebrannt ist in Kucejs Inszenierung die Renaissance-Kulisse,
in die Schreker sein selbst verfass-tes Libretto gestellt hat. Vom verästelten
Rankenwerk übersteigerte Künstlerfantasie ist gleichsam nur noch der kahle
Strunk erkennbar. Die Genueser Adeligen singen zwar noch davon, dass "alle
Träume verschwiegener Nächte in Erfüllung" gehen, aber ihr Werk ist pure
Menschenschlächterei. Zuhälterbestien in Schlangenlederschuhen sind sie,
die sich nach getaner Arbeit die blutbesudelten Gummihandschuhe abstreifen
und das verschwitzte schulterlange Haar aus dem Gesicht wischen. Vitelozzo
Tamare (Claudio Otelli), der virile Herrenmensch und Anführer der Mörderbande
- bei Schreker als "Blütenzerwühler" durchaus noch ein Charakter mit Sinn
für Schönheit -, stapft bei Kucej nur als dumpf regredierter Frauenschlitzer
auf der Suche nach neuen Opfern durch die Szene, ein ausgebombter Charakter.
Carlotta, die herzkranke Künstlerin, ist in Stuttgart kein morbid schwächelndes
Wesen, das Triebverzicht mit Malerei kompensiert ("Ich male Seelen"),
sondern ein sadistisch veranlagtes, emanzipiertes Überweib, das sich in
Umkehrung der Devise von Tamare, "Die Schönheit sei Beute des Starken",
das Hässliche unterwirft. Eva-Maria Westbrook schreitet den Charakter
auf bleistiftdünnen Dominaabsätzen traumwandlerisch aus, im lyrischen
Verströmen ebenso suggestiv wie im dramatischen Ausbruch. Der bucklige
Alviano Salvago, die männliche Hauptfigur und Stifter des doppelbödigen
Kunst-Elysiums, zuckt als an seiner Hässlichkeit expressiv verzweifelnde
Kreatur durch die Aufführung (von Gabriel Sadé mit scharfem, durchdringenden
Tenor gesungen). In einem Wassergraben kauert er während des Vorspiels,
nackt. Mit der Faust zerschlägt er sein Bild im Spiegel und leckt sich
genüsslich das Blut von den Schnittwunden. So klaffen in den Stuttgarter
Gezeichneten doch noch einige Seelenwunden erhaben auf.
(Die
Zeit, Feuilleton 06/2002)
Manuel
Brug: Der bucklige Narziss im Swingerclub
Ausweitung
der Opern-Kampfzone: Martin Kusej inszeniert in Stuttgart Schrekers "Die
Gezeichneten"
Regie-Karrieren könne heute schnell gehen. 2004 wird Martin Kusej "Parsifal"
in Bayreuth inszenieren. Diesen Sommer eröffnet er die Salzburger Festspiele
mit "Don Giovanni". Kusej (40) ist Theaterprofi. Und Wiederholungstäter:
In Stuttgart brachte er jetzt seine vierte Opernarbeit heraus. Als kapital
abseitigen Musiktheaterbrocken. Franz Schreker (1878-1934), der zur Zeit
einen neuerlichen Repertoire-Durchstart erlebt, konnte seine beste Oper,
"Die Gezeichneten", 1918 in Frankfurt uraufführen; wo sich auch 1979 die
zwischen Faschismus und Frankenstein oszillierende Wiederentdeckung durch
Neuenfels und Gielen ereignete. Sie ist ein morbider Psycho-Thriller in
der Maske der Renaissance, der plausibel Heinses Inselorgien des "Ardinghello"
mit Wildes "Zwerg", Nietzsche, Schnitzler, Weininger, Freud und einer
Portion Makart verschneidet. Wiener Fin-de-Siècle-Klangopulenz, unfassliches
Tonalitätsgewimmel, gespreizte Reizhar- monik, montiertes Raffinement:
Strauss nicht un-ähnlich. Doch wo der dröhnt, stöhnt Schreker sinnlich.
Bei Kusej sind "Die Gezeichneten" kein tönendes Erotikon. Er kappt Jugendstil-Geranke
und filtert aus dem entrümpelten Sittendrama eine Außenseitergeschichte,
die vorausschauend Victor Hugo mit Michel Huellebecq, "Notre-Dame de Paris"
mit "Ausweitung der Kampfzone" aufkocht. Der bucklige, von Selbsthass
wie Lebensekel gequälte Zwerg Alviano, dessen adelige Freude seine Liebesinsel
vor der Stadt Genua als Lusthölle missbrauchen, und die kranke Malerin
Carlotta, sie finden sich in einem einzigen Moment zusammen: Er sucht
Liebe, sie, die den Patrizier Tamare begehrt, Inspiration. Der Krüppel
und die Artistin, die Angst haben vor Berührung und doch nur danach gieren,
beide wollen sie das vollkommene Kunstwerk - das Leben. Was schrecklich
scheitert. Auf Alvianos vom gemeinen Volk überranntem Elysium, wo Utopie
zur Katastrophe des Machtmissbrauchs wurde, finden Carlotta und Tamare
den Tod; der Zwerg steht als doppelt Geächteter da. Sein Motto, "Die Schönheit
sei Beute der Starken", hat sich gegen ihn gekehrt. Die Zeit: heute und
immer. In Stuttgart endet Quasimodo als wimmerndes Elementarteilchen im
Swingerclub. Aus der Rückschau eines zutiefst Verletzten, eines sich in
blutigen Spiegelscherben suhlenden, nackten Narziss inszeniert das Martin
Kusej. Der grandios aufopfe-rungsbereite, tenorstarke Gabriel Sadé kauert
zwischen leeren Legebatterien in der kahlen Einheitseisenzelle von Martin
Zehetgruber. Dahinein bricht die Adelsclique im weißen Anzug, mit blutigen
Händen und Peitsche. Väterliche Politikfunktionäre (sinister-verschlagen:
Wolfgang Probst und Wolfgang Schöne), die alle ihre Leiche nicht nur als
Metapher im Regal haben, verhandeln im von Schweißerfunken erhellten Halbschatten;
im grellen Schlaglicht handeln die übrigen. Die großartige, mit nimmermüd
schlanken Leuchttönen prunkende Eva-Maria Westbroek, als nunmehrige Fotografin
Carlotta eine strenge Lady mit Stilett-Pumps und Domina-Touch, lässt ihren
eindimensionalen Macho Tamare (Claudio Otelli macht das Beste draus) schnell
links liegen. Stattdessen umkreist sie die Eroberung Alviano gierig, fixiert
ihn im Blitz der Kamera und verdoppelt so seine Posen - in Gestalt rückwärtig
Stellung beziehender Wiedergänger. Im Krampf erstarrt, verwirrt, wirft
sich das Objekt ihrer zeitweiligen Begierde über sie: Doch was Alviano
da nicht bekommt, muss er sich selbst besorgen. Die S/M-Schöne und das
Buckelbiest. Bis hierhin ist Kusejs Personenregie von unerbittlicher Stringenz.
Nur Lothar Zagrosek und das brillante Staatsorchester lassen die Kitsch
und Avantgarde filmmusikalisch fusionierende Partitur vom ersten Glissando
an verführerisch aufrauschen, pointillistisch farbensatt säuseln, lustvoll
präzise glühen. Der (ungestrichene) dritte Akt mit seiner losgelassenen
Freizeitgesellschaft im erotischen Themenpark mutiert dann zur Satire
über Pauschaltouristen auf Sexreise beim verklemmt-enthemmten Rudelbums.
Mit Knautschhütchen und Kleinkind inspiziert man das verspiegelte Labyrinth
brutaler Leidenschaften: eine Sternstunde für den wunderbaren Stuttgarter
Opernchor, der sich zwischen professionell nackten Liebesdienern in hautfarbenen
Dessous zwanghaft verlustiert. So spielend wie spielerisch schafft die
Regie den Umschwung ins bluttriefende Finale samt rauchendem Colt-Showdown.
Kythera ist abgebrannt. Ihre Chimären verschwinden wie die Blumen des
Bösen aus dem Mittsommernachtsalbtraum, welcher Alviano zuckend im Wasserloch
zurücklässt. Ein Triumph professionell verstandenen Musiktheaters: Das
Triviale als Wahrheit der Moderne. Wieder hat er der postmodern dekadenten
Gesellschaft den Zerrspiegel vorgehalten: Martin Kusej kann siegesgewiss
nach Salzburg und Bayreuth aufbrechen.
(Die Welt, 28.1.2002)
|