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Rezensionen
zu "Die Gezeichneten" (Salzburg) Nikolaus
Lehnhoff vertraute für seine Regie in der Salzburger Felsenreitschule
seiner eigenen intensiven Kunstvorstellung, um an das existentielle Handlungsgefüge
und an die Gefühlskräfte und -defizite der Personen der Oper heranzukommen.
Was er an dem Stück zeigt, ist weniger das Drama der Genueser Schickeria,
die sich auf die Insel "Elysium", eine Scheinwelt, schöne Frauen entführt,
um sich bis zum Lustmord mit ihnen zu amüsieren, sondern sind die "Ersatz-
und Scheinwelten", sind die Masken und Verkleidungen. So rückt er Schrekers
Oper überzeugend in die Distanz einer geradlinigen Stilisierung. Kent
Nagano lehnt den oft benutzten Begriff der "Opulenz" im Zusammenhang mit
Schrekers raffinierter Orchesterkunst ab. Er nennt die Partitur lieber
"reich an Textur". Unter seiner glasklaren Leitung entfaltet das Deutsche
Symphonie-Orchester Berlin eine Fülle sinnlichster Klangfarben. Die Durchhörbarkeit
des dichten orchestralen Stimmengewebes ist phänomenal, die vibrierende
Spannung einer motivisch und rhythmisch zuweilen überspannten Musik greifbar,
die immer wieder auch das melodische Pathos eines Puccini nach außen kehrt.
Nagano hat soviel Gefühl wie richtiges Timing für die Magie, das seelische
Geheimnis dieser Musik. Die allgemeine Schreker-Renaissance mag getrost
ausbleiben, wird seine Opernkunst so subtil und expressiv ausbalanciert
dargeboten wie in dieser am Ende gefeierten Aufführung. Nach Frankfurt
1979, Düsseldorf 1987 und Stuttgart 2002 bildet diese Deutung einen weiteren
Meilenstein in der späten Wirkungsgeschichte von Franz Schrekers Oper
"Die Gezeichneten". Peter Ruzicka, der sich die Pflege der "entarteten
Musik" auf die Fahnen geschrieben hat, ist mit dieser Salzburger Eröffnungspremiere
ein gewisses Risiko eingegangen. Der Mut hat sich voll und ganz gelohnt.
Peter Hagmann, Neue Züricher Zeitung, 28.07.2005 Es ist erfreulich, dass
die Salzburger Festspiele eine Rarität an den Begin ihres Opernprogrammes
2005 gerückt haben. Das Riesen-Mega-Giga-Maxi-Spektakel namens "La traviata"
kommt ohnehin noch früh genug. Intendant Peter Ruzicka stellt Franz Schrekers
Oper "Die Gezeichneten" noch einmal zur Diskussion. Und genau das ist
auch eine der Aufgaben von Festspielen: Zu verwirklichen, was im täglichen
Repertoirebetrieb fehlt... Das Dirigat von Kent Nagano, der am Pult seines
Deutschen Symphonie-Orchesters Berlin steht, ist so einfühlsam und differenziert,
dass man ihn als idealen musikalischen Leiter für dieses Werk bezeichnen
kann... Eine zunächst statische, dann aufwühlende Regie... Eine Aufführung,
die man nicht verpassen sollte. Directed
by Nikolaus Lehnhoff, with Kent Nagano leading his Deutsches Symphonie-Orchester
Berlin, it was an engrossing evening that conveyed not only the vertiginous
beauty of Schreker's music, but also the composer's theatrical gifts,
his penchant for probing the unconscious drives and boundless yearnings
of his characters in a world that is crumbling around them… Mr. Nagano
led his ensemble in a masterfully paced reading of the score, showing
an intuitive feel for Schreker's palette with all its blends and subtle
shading. At the opera's most riveting moments, the sound had a way of
billowing out from the orchestra, like a soft wind blowing from a place
unseen. |