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Franz Schreker
(1878 - 1934)
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Franz Schreker Foundation
Home >> Current performances >> Reviews ("Der Schatzgräber")

 

 

 

                                                

Reviews: "Der Schatzgräber" (Frankfurt)

Tue Gutes und sprich darüber (Frankfurter Allgemeine Zeitung, 17.12.2002)
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Luftwurzeln schlagen (Süddeutsche Zeitung, 17.12.2002)
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Frei, aber einsam (Der Tagesspiegel, 18.12.2002) (as pdf)

Wenn die Sündenorgel rauscht (Die Zeit, 30.1.2003)

Franz Schrekers schwül-erotisches Musiktheater hat wieder Konjunktur. Frankfurt am Main zeigt den „Schatzgräber“ und Kiel versucht „Das Spielwerk und die Prinzessin“ wiederzubeleben

Von einem Musikinstrument erzählt das Märchen, dem mysteriösen Spielwerk. Sein ganzes Leben lang hat der alte Meister Florian in einer mittelalterlichen Stadt daran herumgewerkelt. Eigentlich ist es ein gigantisches Glockenspiel und doch auch ein immaterielles Phantominstrument. Als universale Beglückungsmaschine soll es den vollendeten Wohllaut verströmen, mit sagenhaftem Klingklang alle Schönheiten der Natur und die Reinheit der menschlichen Liebe ertönen lassen und die ganze Welt in Frühlingsstimmung versetzen. Aber das All-Instrument hat einen Defekt: Satanische Gegenklänge und Misstöne der Wollust haben sich eingeschlichen. Aus der Himmelsharfe wird eine böse Sündenorgel, die zu dionysischer Enthemmung anstachelt. Eine Prinzessin und ihr Geliebter, der Sohn des Meisters Florian, berauschen sich an dem Spielwerk und taumeln ins Verderben. Die Prinzessin halluziniert eine letzte orgiastische Überfeier, in der sie sich nackt dem ganzen Volk hingeben und das Spielwerk verbrennen lassen will. Hoch züngeln die Flammen der Leidenschaft. Schließlich verglühen Lust, Welt, Kunst und Liebe gleichermaßen in einem apokalyptischen Untergangsrausch.

Typisch Schreker. Kein Opernstoff ohne Ausschweifung, Gewalt und seelische Verwüstung. Immer hat eine selbstzerstörerisch lüsterne Femme fatale ihren großen Auftritt. Immer geht die Reise hinab in die dunklen Untergeschosse der menschlichen Triebe, wo die Obsessionen und Perversionen lauern. Das Traumdenken Sigmund Freuds treibt die Handlung in den vom Komponisten selbst verfassten Libretti voran, und über allem lastet die narkotisierende Wirkung einer verschwenderisch aufrauschenden Musik. Der Österreicher Franz Schreker, geboren 1878 in Monaco, war, wenn man so will, auf ganz eigene Weise ein früher Verfechter von Sex and Drugs and Rock ’n’ Roll. Und das Exzentrischste an ihm ist, dass er sich beim Komponieren gern über die eigene Schulter geschaut hat. Was er, hinter sich stehend, beobachtete, fasste er, vor dem Notenpapier sitzend, zugleich in Töne und Bilder: wie der Künstler mit dem Künstlersein ringt und scheitert. Die Musik taucht in seinen Stücken immer wieder als Metapher ihrer selbst auf, im utopischen Fernen Klang, dem der Komponist Fritz in der gleichnamigen Oper hinterherjagt, oder im ominösen Spielwerk, das nicht nur märchenhaftes Zauberinstrument ist, sondern zugleich als visionäres Abbild von Schrekers eigenem Musikschaffen erscheint – ein Klangmysterium, das die höchsten Glockentöne der Versöhnung von Kunst und Leben anstrebt und am Ende doch nur die Wonnen der Vergeblichkeit orchestriert. Schreker liebt solche symbolistischen Spiegeleffekte.

Wobei seine unmittelbar nach dem Fernen Klang geschriebene Oper Das Spielwerk und die Prinzessin besonders verrätselt schillert. Die Handlung erschließt sich nur aus raunenden Andeutungen, Schreckensvisionen und Erinnerungsgemunkel der Protagonisten. Schimärenhaft fließen die Ereignisse ineinander. Ungreifbar ist vor allem das Spielwerk selbst, das nur in der Schilderung derer, die es vernommen haben, etwas von seiner dämonischen Wirkungsmacht erahnen lässt. Erklingt es, vom erhabenen Flötenspiel eines fahrenden Handwerksburschen zum Schwingen gebracht, hört man allerdings nur eher mickrig leierndes, naiv spieldosenhaftes Glocken- und Harfengeklingel – ein matter Vorschein der wahren Klangmagie hinter den realen Klängen. Auch das ist typisch Schreker: Der ganz große Zauber leuchtet erst jenseits der Töne.

Vom Vergessen begraben

Ein ätzender Polemiker wie der Komponistenkollege Hans Pfitzner fand solche Vagheit der Fantasie freilich nur impotent, er sah in ihr die „Unfähigkeit, wahrhaft zu zeugen und zu gebären“. Mit Schmähungen verschiedenster Couleur musste Schreker leben. Für die Protagonisten der Neuen Sachlichkeit und die Avantgardisten der Zweiten Wiener Schule war seine Kunst bereits in den zwanziger Jahren von gestern. Die nationalsozialistische Kunstpolitik bereitete seinem Leben und seinem Werk schließlich ein jähes Ende. Der Komponist Schreker ward „vom Vergessen wie von einem schweren Stein begraben“, schrieb Adorno.

An der Kieler Oper hat nun die Regisseurin und Intendantin Kirsten Harms Das Spielwerk und die Prinzessin auf die Bühne gebracht (nachdem es in Darmstadt bereits zu Beginn der Spielzeit Premiere hatte). Kaum ein Opernhaus hat sich nach der Doppeluraufführung 1913 in Frankfurt und Wien je wieder an das Stück gewagt. Eine Ausgrabung mit Seltenheitswert, zumal in Kiel die eigens wiederhergestellte Erstfassung gegeben wurde mit ihrem pessimistischen, unversöhnlichen Schluss, den der Komponist gleich nach den ersten Aufführungen umgearbeitet hat. Die Schreker-Renaissance an den Opernbühnen, die in den achtziger Jahren mit wenigen, aber spektakulären Neuproduktionen begann und zwischenzeitlich schon wieder beendet schien, kommt nun offenbar erst richtig in Schwung. In Berlin, Stuttgart und Frankfurt tauchen seine zentralen Werke Der ferne Klang, Die Schatzgräber und Die Gezeichneten wieder auf den Spielplänen auf. In Kiel hat man sich sogar auf die nahezu unbekannten Randwerke konzentriert und mit Flammen, Christophorus und dem Spielwerk gleich eine Werktrilogie erarbeitet.

So wird das mächtige Brausen der schrekerschen Opernorgel wieder vernehmlicher, und der Sog ist nach wie vor enorm, der von der unbestimmt vagierenden Harmonik ausgeht oder dem wie mit geschlossenen Augen imaginierten Bewegungsfluss der motivischen Linien. Der Schreker-Kenner und Komponist Gösta Neuwirth hat einmal eine Szene aus den Gezeichneten als minutiös ausgearbeitete Kamerafahrt über Genua beschrieben – moderne Kinodramaturgie ist bei Schreker nicht weit.

In anderen Szenerien jedoch glaubt man dann wieder nur ein altes Fin-de-Siècle-Ölgemälde vor sich zu haben – ein expressiv sich kräuselnder Mundwinkel hier und ein schwül-durchsichtiger Faltenwurf dort. Ist Schreker nicht ein sehr musealer Erotomane? Sind die opulenten Entgrenzungsräusche seiner Musiksprache nicht doch unrettbar von gestern? Oder macht ihn gerade diese hingebungsvoll altmodische Lüsternheit heute wieder interessant, weil sie den Abstand markiert zu unserer erotisch entzauberten Gegenwart?

Als sich das moderne Regietheater Anfang der achtziger Jahre der Schreker-Opern anzunehmen begann, stürzte es sich auf den heißen Kern der Stücke – die unterschwelligen Triebkräfte. Hans Neuenfels agierte die erotischen Obsessionen in seiner legendären Frankfurter Inszenierung der Gezeichneten lustvoll aus und zeigte die Sadomasogewalt in grellen, schönen Bildern. Zwanzig Jahre später jedoch ist auf den Theaterbühnen auch die bizarrste Schmerzlust ausgekostet und das üppigste Blutbad zu Ende geschlürft. Mit wüsten Orgien kann man Schreker nicht mehr wiederbeleben, das Feuer für solche Interpretationen ist erloschen. Man konnte es sehen, als Martin Kusej vor einem Jahr Die Gezeichneten in Stuttgart inszenierte. Noch einmal versuchte er die Maßlosigkeit des Sujets in einer großen Kopulationsszene zu bannen, ließ das Genueser Volk sich nackt im Blut wälzen und offenbarte doch nur dekorative Ödnis.

Diese Welt brennt nicht mehr

Was also bleibt? Der englische Regisseur David Alden hat in seiner Frankfurter Inszenierung des Schatzgräbers, der im Dezember Premiere hatte, das Geklitterte der Schreker-Welt herausgearbeitet, entzündet seine Fantasie am Kolportagecharakter der Szenen, nimmt den Kitsch und die ironische Brechung in seine Bilderfantasie auf. Er fährt ein verschnörkeltes Karussellpferd als Hoffnungschiffre auf, imaginiert einen kafkaesken Henkersplatz, auf dem Sachbearbeiter an Bürotischen Todesurteile stempeln, ohne auf das Papier zu gucken, und lässt die Farben im finalen Maskenball am Königshof mit einer surrealen Schwellkopfparade und Disneyluftballons geradezu explodieren. Bei ihm ist der Fin-de-Siècle-Rausch nur noch als dekonstruiertes, ironisch gebrochenes Zitatpuzzle denkbar.

Kirsten Harms wiederum zeigt in ihrer Kieler Inszenierung des Spielwerks, dass die große Schreker-Party längst zu Ende ist. Einen Scheiterhaufen aus Versatzstücken alter Bühnenbilder hat sie auf der leeren Spielfläche schichten lassen – ein umgestürztes Bett, Kulissenwände, einen antiken Gipskopf. Es ist das Wunderglockenspiel, das sich nur noch traurig im Kreis dreht. Ein Menetekel der gewesenen Lust. In ein eisiges Blau ist die Bühne getaucht. Lemurengleich schleppen sich die Protagonisten über die Szene. Ihr Untergang ist nah. Man kann es an den tiefschwarzen Todesschatten unter ihren Augen erkennen. Die Prinzessin ist bei Kirsten Harms keine Femme fatale, die sich selbst verzehrt, sondern wirkt in ihrer bleichen todeskühlen Gestalt eher wie eine Schwester der Turandot. Unnahbar schwebt sie im Thron vom Bühnenhimmel herab und entschwindet dorthin am Ende wieder. In Kiel bleibt von Schrekers glühendem Weltenbrand nur noch ein kühler Untergang.

Ein letztes Mal tanzen Kinder in weißen Rokoko-Puderperücken um das Spielwerkgerümpel. Rotes Scheinwerferlicht zeigt das Ende an. Der Rest ist Asche. Schrekers Asche?

Schreker’s twisted fairy tale (Financial Times, 14.12.2002)

… The Frankfurt Opera’s new staging of Der Schatzgräber is a timely opportunity, 80 years on, to reassess his most popular opera. The results are engrossing. David Alden has recognisid Schreker’s twisted tale for what it is, and tells it as a modern-day fairy story. In a delightful pastiche of everything from Star Wars to Tim Burton, Alden brings familiar echoes of stories from our own childhoods to Schreker’s world of archetypes and metaphors.
Els, the innkeepers’s daughter, has stolen the queen’s jewels. Albi, her personal contract killerm has dispatched all her previous suitors, but then she falls fo Elis, a wandering minstrel whose magic lute enables him to find treasure. Unfortunately, Elis is working for the king. Several bungled executions later, Els ends up married to the court jester. Elis reappears to sing to her again, but she is dying, and even he cannot save her.
Like most of Schreker’s operas, this is an unhappy love story and a parable of artisitc failurem clothed in a harmonic language that owes as much to Debussy as it does to Wagner and Schoenberg, teetering between ravishing beauty and kitsch.
Alden reads Els as a damaged femme fatale trapped in a grotesque fairground world. Elis is a neutral protagonist, dressed to look just linke Schreker himself. The inn is an orgy of garish sci-fi trash, the court all velvet and glitter and macabre puppet masks.
Deducing thematic similarities with Strauss’ Die Frau ohne Schatten, Alden adds choruses of men in drab office clothes and women skipping with shopping trolleys, extolling the virtues of domestic normalities as the cure for all forms of perversion.
The result is a perfect balance of iropny and truth. Alden’s mix of cliché and insight is sure-footed, cleverly mirroring the music, speaking with grace ans clarity. It’s a magnificent achievement.
Schreker dedicated Der Schatzgräber to Frankfurt, and Frankfurt has now returned the compliment. The cast is more than adequate to the task at hand, from Susan Bullock’s Elsm sharp-edged with a hint of vulnerability, to Jeffrey Dowd’s witty yet tender court jester. Jonas Alber conducts with a little too much ridigity, some of the score’s magic falling victim to his search for clarity, but the score’s volutuous curves are audible anyway.
With tunes back in fashion, in a world political, moral and artistic dilemmas alarmingly close to those of the 1920s, Schreker’s operas seem more up-to-date than some which were written yesterday. perhaps this time round they’re here to stay.

Shirley Apthorp