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Reviews: "Der Schatzgräber" (Frankfurt)
Tue Gutes und sprich darüber (Frankfurter Allgemeine Zeitung,
17.12.2002) Luftwurzeln
schlagen (Süddeutsche Zeitung, 17.12.2002) Frei, aber einsam (Der Tagesspiegel, 18.12.2002) (as pdf)
Wenn die Sündenorgel rauscht Franz Schrekers schwül-erotisches Musiktheater hat wieder Konjunktur. Frankfurt am Main zeigt den „Schatzgräber“ und Kiel versucht „Das Spielwerk und die Prinzessin“ wiederzubeleben Von einem Musikinstrument erzählt das Märchen, dem mysteriösen Spielwerk. Sein ganzes Leben lang hat der alte Meister Florian in einer mittelalterlichen Stadt daran herumgewerkelt. Eigentlich ist es ein gigantisches Glockenspiel und doch auch ein immaterielles Phantominstrument. Als universale Beglückungsmaschine soll es den vollendeten Wohllaut verströmen, mit sagenhaftem Klingklang alle Schönheiten der Natur und die Reinheit der menschlichen Liebe ertönen lassen und die ganze Welt in Frühlingsstimmung versetzen. Aber das All-Instrument hat einen Defekt: Satanische Gegenklänge und Misstöne der Wollust haben sich eingeschlichen. Aus der Himmelsharfe wird eine böse Sündenorgel, die zu dionysischer Enthemmung anstachelt. Eine Prinzessin und ihr Geliebter, der Sohn des Meisters Florian, berauschen sich an dem Spielwerk und taumeln ins Verderben. Die Prinzessin halluziniert eine letzte orgiastische Überfeier, in der sie sich nackt dem ganzen Volk hingeben und das Spielwerk verbrennen lassen will. Hoch züngeln die Flammen der Leidenschaft. Schließlich verglühen Lust, Welt, Kunst und Liebe gleichermaßen in einem apokalyptischen Untergangsrausch. Typisch Schreker.
Kein Opernstoff ohne Ausschweifung, Gewalt und seelische Verwüstung. Immer
hat eine selbstzerstörerisch lüsterne Femme fatale ihren großen Auftritt.
Immer geht die Reise hinab in die dunklen Untergeschosse der menschlichen
Triebe, wo die Obsessionen und Perversionen lauern. Das Traumdenken Sigmund
Freuds treibt die Handlung in den vom Komponisten selbst verfassten Libretti
voran, und über allem lastet die narkotisierende Wirkung einer verschwenderisch
aufrauschenden Musik. Der Österreicher Franz Schreker, geboren 1878 in
Monaco, war, wenn man so will, auf ganz eigene Weise ein früher Verfechter
von Sex and Drugs and Rock ’n’ Roll. Und das Exzentrischste an ihm ist,
dass er sich beim Komponieren gern über die eigene Schulter geschaut hat.
Was er, hinter sich stehend, beobachtete, fasste er, vor dem Notenpapier
sitzend, zugleich in Töne und Bilder: wie der Künstler mit dem Künstlersein
ringt und scheitert. Die Musik taucht in seinen Stücken immer wieder als
Metapher ihrer selbst auf, im utopischen Fernen Klang, dem der
Komponist Fritz in der gleichnamigen Oper hinterherjagt, oder im ominösen
Spielwerk, das nicht nur märchenhaftes Zauberinstrument ist,
sondern zugleich als visionäres Abbild von Schrekers eigenem Musikschaffen
erscheint – ein Klangmysterium, das die höchsten Glockentöne der Versöhnung
von Kunst und Leben anstrebt und am Ende doch nur die Wonnen der Vergeblichkeit
orchestriert. Schreker liebt solche symbolistischen Spiegeleffekte. Vom Vergessen begraben An der Kieler
Oper hat nun die Regisseurin und Intendantin Kirsten Harms Das Spielwerk
und die Prinzessin auf die Bühne gebracht (nachdem es in Darmstadt
bereits zu Beginn der Spielzeit Premiere hatte). Kaum ein Opernhaus hat
sich nach der Doppeluraufführung 1913 in Frankfurt und Wien je wieder
an das Stück gewagt. Eine Ausgrabung mit Seltenheitswert, zumal in Kiel
die eigens wiederhergestellte Erstfassung gegeben wurde mit ihrem pessimistischen,
unversöhnlichen Schluss, den der Komponist gleich nach den ersten Aufführungen
umgearbeitet hat. Die Schreker-Renaissance an den Opernbühnen, die in
den achtziger Jahren mit wenigen, aber spektakulären Neuproduktionen begann
und zwischenzeitlich schon wieder beendet schien, kommt nun offenbar erst
richtig in Schwung. In Berlin, Stuttgart und Frankfurt tauchen seine zentralen
Werke Der ferne Klang, Die Schatzgräber und Die
Gezeichneten wieder auf den Spielplänen auf. In Kiel hat man sich
sogar auf die nahezu unbekannten Randwerke konzentriert und mit Flammen,
Christophorus und dem Spielwerk gleich eine Werktrilogie
erarbeitet. So wird das
mächtige Brausen der schrekerschen Opernorgel wieder vernehmlicher, und
der Sog ist nach wie vor enorm, der von der unbestimmt vagierenden Harmonik
ausgeht oder dem wie mit geschlossenen Augen imaginierten Bewegungsfluss
der motivischen Linien. Der Schreker-Kenner und Komponist Gösta Neuwirth
hat einmal eine Szene aus den Gezeichneten als minutiös ausgearbeitete
Kamerafahrt über Genua beschrieben – moderne Kinodramaturgie ist bei Schreker
nicht weit. In anderen
Szenerien jedoch glaubt man dann wieder nur ein altes Fin-de-Siècle-Ölgemälde
vor sich zu haben – ein expressiv sich kräuselnder Mundwinkel hier und
ein schwül-durchsichtiger Faltenwurf dort. Ist Schreker nicht ein sehr
musealer Erotomane? Sind die opulenten Entgrenzungsräusche seiner Musiksprache
nicht doch unrettbar von gestern? Oder macht ihn gerade diese hingebungsvoll
altmodische Lüsternheit heute wieder interessant, weil sie den Abstand
markiert zu unserer erotisch entzauberten Gegenwart? Als sich
das moderne Regietheater Anfang der achtziger Jahre der Schreker-Opern
anzunehmen begann, stürzte es sich auf den heißen Kern der Stücke – die
unterschwelligen Triebkräfte. Hans Neuenfels agierte die erotischen Obsessionen
in seiner legendären Frankfurter Inszenierung der Gezeichneten
lustvoll aus und zeigte die Sadomasogewalt in grellen, schönen Bildern.
Zwanzig Jahre später jedoch ist auf den Theaterbühnen auch die bizarrste
Schmerzlust ausgekostet und das üppigste Blutbad zu Ende geschlürft. Mit
wüsten Orgien kann man Schreker nicht mehr wiederbeleben, das Feuer für
solche Interpretationen ist erloschen. Man konnte es sehen, als Martin
Kusej vor einem Jahr Die Gezeichneten in Stuttgart inszenierte.
Noch einmal versuchte er die Maßlosigkeit des Sujets in einer großen Kopulationsszene
zu bannen, ließ das Genueser Volk sich nackt im Blut wälzen und offenbarte
doch nur dekorative Ödnis. Diese
Welt brennt nicht mehr Was also
bleibt? Der englische Regisseur David Alden hat in seiner Frankfurter
Inszenierung des Schatzgräbers, der im Dezember Premiere hatte,
das Geklitterte der Schreker-Welt herausgearbeitet, entzündet seine Fantasie
am Kolportagecharakter der Szenen, nimmt den Kitsch und die ironische
Brechung in seine Bilderfantasie auf. Er fährt ein verschnörkeltes Karussellpferd
als Hoffnungschiffre auf, imaginiert einen kafkaesken Henkersplatz, auf
dem Sachbearbeiter an Bürotischen Todesurteile stempeln, ohne auf das
Papier zu gucken, und lässt die Farben im finalen Maskenball am Königshof
mit einer surrealen Schwellkopfparade und Disneyluftballons geradezu explodieren.
Bei ihm ist der Fin-de-Siècle-Rausch nur noch als dekonstruiertes, ironisch
gebrochenes Zitatpuzzle denkbar. Kirsten Harms
wiederum zeigt in ihrer Kieler Inszenierung des Spielwerks, dass
die große Schreker-Party längst zu Ende ist. Einen Scheiterhaufen aus
Versatzstücken alter Bühnenbilder hat sie auf der leeren Spielfläche schichten
lassen – ein umgestürztes Bett, Kulissenwände, einen antiken Gipskopf.
Es ist das Wunderglockenspiel, das sich nur noch traurig im Kreis dreht.
Ein Menetekel der gewesenen Lust. In ein eisiges Blau ist die Bühne getaucht.
Lemurengleich schleppen sich die Protagonisten über die Szene. Ihr Untergang
ist nah. Man kann es an den tiefschwarzen Todesschatten unter ihren Augen
erkennen. Die Prinzessin ist bei Kirsten Harms keine Femme fatale, die
sich selbst verzehrt, sondern wirkt in ihrer bleichen todeskühlen Gestalt
eher wie eine Schwester der Turandot. Unnahbar schwebt sie im Thron vom
Bühnenhimmel herab und entschwindet dorthin am Ende wieder. In Kiel bleibt
von Schrekers glühendem Weltenbrand nur noch ein kühler Untergang. Ein letztes
Mal tanzen Kinder in weißen Rokoko-Puderperücken um das Spielwerkgerümpel.
Rotes Scheinwerferlicht zeigt das Ende an. Der Rest ist Asche. Schrekers
Asche? Schreker’s
twisted fairy tale (Financial
Times, 14.12.2002)
…
The Frankfurt Opera’s new staging of Der
Schatzgräber is a timely opportunity, 80 years on, to reassess his
most popular opera. The results are engrossing. David Alden has recognisid
Schreker’s twisted tale for what it is, and tells it as a modern-day
fairy story. In a delightful pastiche of everything from Star Wars to Tim Burton, Alden brings familiar echoes of stories from
our own childhoods to Schreker’s world of archetypes and metaphors. Shirley
Apthorp
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