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Franz Schreker
(1878 - 1934)
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Rezensionen zu "Das Spielwerk" (Darmstadt)

http://www.ndr.de/hf/radio3/sendungen/data/20021001_spielwerk.pdf

http://www.egotrip.de/kult02_03/Spielwerk.htm



Ein Wiegenlied als Rettung vor dem Untergang
OPER: Darmstadt grub mit dem "Spielwerk" von Franz Schreker eine Rarität wieder aus
Von unserer Mitarbeiterin Susanne Kaulich

In regelmäßigen Abständen gibt es Versuche, Franz Schrekers (1878-1934) symbolistisch-überfrachtete Opern wiederzubeleben. Nach spektakulären Inszenierungen in den Achtzigerjahren wird derzeit wieder einmal an einer Schreker-Renaissance gebastelt: Stuttgart brachte im letzten Jahr "Die Gezeichneten" heraus, Kiel den "Christopherus", Frankfurt bereitet die "Schätzgräber" vor und Darmstadt machte sich jetzt an den Einakter "Das Spielwerk". Der Skandal bei der Wiener Uraufführung 1913 hatte 1920 eine einaktige Fassung mit der Bezeichnung "Ein Mysterium" nach sich gezogen. Ab Januar übrigens zeigt Kiel die zweiaktige Urfassung. Nicht selten gerät Revision aber eher zur Verschlimmbesserung. Im zweiten "Spielwerk", für das Darmstadt sich entschieden hat, geht jedenfalls der dramaturgische Faden vom Glück und Leid bringenden Klangphantom im apotheotischen Wust des Symbol- und Metaphern-Patchworks völlig verloren. Endete die frühe Fassung tatsächlich noch "Götterdämmerungs"-gleich mit Flammen, so schließt die spätere wenig überzeugend in Wohlgefallen. Musikalisch mag sie freilich dankbarer sein, falls Gefälligkeit ein Kriterium ist. Von "Orpheus" über die "Zauberflöte", von "Turandot", "Salome" und "Götter-dämmerung" bis hin zu Mahlers "Lied von der Erde" hat Schreker so ziemlich alles an Kult-Motiven und Bildungsgut ins "Spielwerk" hineingepackt und sich selbst vor religiöser Metaphorik nicht gescheut. Friedrich Meyer-Oertel und seine Ausstatterinnen Heidrun Schmelzer und Lioba Winterhalder haben das mittelalterlich mystische Geschehen in die Zwanzigerjahre verlegt. Spielplatz vor einer Wolkenkratzer-Skyline ist eine stimmungsvolle dunkle Betonruine. Meister Florian (Anton Keremidtchiev), Erbauer des ominösen Spielwerks, das der böse Gehilfe Wolf (Hubert Bischof) verpfuscht hat und das jetzt Übel bringt, sieht aus wie Schreker selbst. Die liebestolle Prinzessin (Lena Nordin), die mit ihrem orgiastischen Hang das Volk ins Unglück gestürzt hat, entspricht dem gängigen Klischee der femme fatale. Das kann man alles auch politisch sehen: Endzeitstimmung der Weimarer Zeit - Schreker als Visionär. Weltenbrand droht, wenn die Prinzessin nicht von ihrer selbstzerstörerischen Krankheit geheilt wird, die irgendwie mit dem verpfuschten Spielwerk und der unglücklichen Liebe zum geigenspielenden Sohn Florians zusammenhängt, den sie bedauerlicherweise in den Tod getrieben hat. Nach einigen Wirren spielt der unvermittelt erscheinende Un-Tote mit seiner Fidel zum Untergang auf, bevor ihn Mutter Liese (Elisabeth Hornung) mit einem Wiegenlied bei Glockengeläut erlöst. Dabei hatte sich eh schon alles geklärt, denn ein heldentenoraler Wanderbursche (John Pierce) hat mit seinem naiven Flötenspiel Volk und Prinzessin betört und so das ominöse Spielwerk wieder in Ordnung gebracht. Das neue hohe Liebespaar kann befreit hinauf ans Licht schreiten. Seinen im verklausulierten Duktus des Fin-de-siècle schwelgenden Text hat Schreker in spätromantische, klangsinnliche Musik getaucht, die in ihren allzu süßlichen Passagen nah am Kitsch amerikanischer Filmmusik vorbeischrammt. Doch der hypnotischen Wirkung, die auf munterem Konversationsstil, vokaler Kantabilität und melodiöser Dur-Moll-Harmonik basiert, kann man sich nur schwer entziehen. Das ist wahrscheinlich das eigentliche Mysterium, das den Komponisten eben immer wieder ins Interesse rückt. Zumal wenn seine Musik so fesselnd, soghaft und klangschön zelebriert wird wie vom Darmstädter Ensemble unter Stefan Bluniers charismatischer Leitung. Beim anderthalbstündigen "gewaltigen Hymnus" - wie es einmal im mitlaufenden Text heißt - vermittelt sich Schrekers unbestreitbare musiktheatralische Kunst unmittelbar. Sie lässt sogar oder gerade ein "Mysterium" zum Hörerlebnis werden.

© Mannheimer Morgen – 07.10.2002